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D a s e Z i n e d e r T e c h n i s c h e n A n a l y s e |
Buy and hold - eine Marketingstrategie der Finanzwirtschaft |
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Buy and hold (kaufen und halten) gehört zu den bekanntesten Anlagestrategien. Diese Anlagemethode ist allgemein anerkannt und wird als besonders seriöse langfristige Investitionsmethode respektiert. Es gibt zahllose Untersuchungen und Statistiken die beweisen, daß das langfristige Halten guter Aktien eine ertragreiche, kostensparende und risikoarme Methode ist, sein Vermögen nachhaltig zu steigern. Auf lange Sicht kann man mit Aktien nur gewinnen.
Je weiter fortgeschritten eine Hausse ist, desto größer die Zahl der Anhänger dieser Anlagemethode. Selbst jene, die in der vorangegangenen Baisse "versagt" haben und ihre Aktien zur Unzeit mit Verlust verkauften, müssen anerkennen, daß es klug gewesen wäre durchzuhalten und nehmen sich deshalb vor, dies bei einem künftigen Rückgang der Aktienkurse nun aber in jedem Falle zu beherzigen und standhaft zu bleiben.
Es ist schließlich Allgemeingut, zu wissen, daß sich die Börse immer erholt und immer die vorangegangenen Kursrückgänge ausgleicht und auf lange Sicht immer zu höheren Kursniveaus ansteigt. Jeder Langfristchart, etwa vom DJIA30 (Dow Jones Industrial 30 Index) oder DAX, beweist diese Erfahrung augenfällig.
Ich lege den Schwerpunkt meiner Betrachtung bewußt auf die USA. Dies geschieht, weil es hier wirklich langfristige Kurshistorien gibt, ohne die Verfälschung durch zwei Wirtschaftszusammenbrüche nach verlorenen Kriegen, wie bei uns in Deutschland. Außerdem stammen die meisten Untersuchungen über Langzeit-Anlageerfolge ebenfalls aus den USA.
Die Kernaussage dieser Performance-Untersuchungen ist: Es genügt ein Blick auf den DJIA30 (Dow Jones Industrial 30 Index), etwa für den Zeitraum 1915 bis 2007, und jeder kann unmittelbar erkennen, daß es reicht, zu einem beliebigen Zeitpunkt eine Aktie zu kaufen und dann durchzuhalten. Selbst wenn man das Pech hatte, diese Aktie ausgerechnet 1929 am seinerzeitigen Börsentop zu kaufen, oder etwa 1987 unmittelbar vor dem Crash, nach einiger Zeit hat man gleichwohl einen schönen Gewinn erzielt und alle anderen gewöhnlichen Anlageformen renditemäßig übertroffen.
Die Kernlüge dieser Performance-Untersuchungen ist, daß man immer von "Aktien" spricht, aber alle Schlußfolgerungen und Ableitungen auf Basis von Indexzahlen trifft. Das geschieht angeblich, weil der Index ja so bekannt ist, und so bequem, aufgrund der vorliegenden langen Zahlenreihen, für die Beweisführung heranziehbar. Es wird mit dieser Methode jedoch unterschlagen, daß es keine Aktie "DJIA30" gibt. Es wird verschwiegen, daß in der ferneren Vergangenheit ein Investor nicht einmal die Möglichkeit hatte, ein Zertifikat zu erwerben, das den Index nachbildete.
Betrachten wir die Angelegenheit doch einmal im Detail:
Im Zeitraum von 1915 bis heute kann man ca. 30-34 Baisse-Perioden im Dow Jones Index feststellen. Im Extrem mit 86% Kursrückgang. Im Durchschnitt mit ca. 30%. Wobei Baisse von mir mit mehr als 25% Kursrückgang bestimmt wurde. Jedesmal wurde der Rückgang ausgeglichen. Jedesmal gab es in der Folgezeit höhere Kurse. Unbestritten. Also eine narrensichere Methode, dieses buy-and-hold, um Geld zu machen?
Nun gut, die Durchschnittsstatistik von 2000 bis heute ist durch die dazwischenliegende letzte Baisse noch ein bißchen gestört. Aber ich will kein Spielverderber sein und stattdessen zu einer etwas älteren Statistik greifen, die ich bei Templeton fand.
Wer 1977 in einen wachstumsorientierten Fonds dieser Gesellschaft US$ 10.000 investierte und durchhielt, hatte nach 20 Jahren in 1997 ein Vermögen in Höhe von US$ 210.560. Das sind im Durchschnitt 16% p.a. Solche Erfolgsstories könnte man zu Hunderten zitieren. Ein zufriedener Investor und zufriedene Investmentgesellschaften und Banken, die an der Verwaltung und Entwicklung dieses Vermögens ebenfalls prächtig verdienten. Langfristige Kundenbindung und Kapitalüberlassung sind etwas Wundervolles.
Werfen wir einmal einen Blick auf die Wirklichkeit:
Wir werden feststellen, daß die für Werbezwecke aufbereitete Vergangenheit eine Sache ist, aber daß diese Buy-and-hold-Methode in der Realität nicht funktioniert. Besser: Nicht mit einem ausreichenden Grad an Sicherheit funktioniert, der notwendig wäre. Denn es handelt sich hier um eine "Lebensentscheidung", die für den Einzelnen bei Mißlingen nicht wiederholbar ist. Dazu müssen wir uns einig darüber sein, daß niemand in die Zukunft, in der - natürlich - "alles anders" sein kann, blickt und deshalb nur mit Vergangenheitszahlen operiert wird. Aber damit sind die Befürworter ja auch bei positiven Ergebnissen widerspruchslos einverstanden gewesen.
1915 bis 2007 umfaßt einen Zeitraum von 92 Jahren. Das ist ein gesegnetes Lebensalter. Lebensalter ist jedoch etwas anderes als Lebens-Investitionsperiode. "So richtig" fängt man erst mit 45 Jahren an, nennenswerte Ersparnisse zu bilden. Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus und die finanziellen Belastungen der Hausstandsgründung bewältigt sind. Mit 60 oder 65 Jahren greifen dann schon wieder bei den meisten Menschen andere Versorgungs- und Entspargesichtspunkte mit erhöhten Sicherheitsanforderungen. Also bleiben 15 oder 20 Jahre, oder vielleicht 25 Jahre für Aktieninvestments, wenn jemand etwas früher anfängt. Das sind die Zeitspannen, über die Performance-Betrachtungen seriös sind. Nicht 92 Jahre.
Wer das Pech hatte, 1929 auf dem Börsen-Gipfel zu investieren, mußte 86% Kursrückgang (im Index) ertragen, was auch für einen sehr überzeugten Buy-and-Hold-Investor, der entsprechend investiert war, schwer gewesen sein dürfte. Schon 1955, nach nur 26 Jahren landunter im Depot, hatte er sein Einstandskapital wieder. Wenn man von solchen Kleinigkeiten wie der Geldentwertung des Dollars in diesem Zeitraum absieht.
Wer sich den Dow Jones Index (oder auch den FAZ-Index) in den Jahren 1966 und 1982 anschaut, wird bemerken, daß die Indexstände in beiden Jahren sehr ähnlich waren. 16 Jahre Nullsummenveranstaltung als Lebens-Investitionsperiode. Nullsummenveranstaltung? Nicht ganz, zwischendurch gab es in dieser Periode nach meiner Zählung fünf Baissen, die schlimmste im Dow Jones 1974 mit -45%.
Fasst man, ganz simpel, diese beiden Zeiträume zusammen, kommt man zu dem Ergebnis, daß es für den imaginären Methusalem der Statistiker in 42 von 92 Jahren nicht erfolgreich gewesen wäre, Aktien zu halten. Die statistische Wahrscheinlichkeit für Langfrist-Investoren, ganz oder über große Strecken, in schlecht performenden Zeiträumen investiert zu sein, ist erkennbar recht erheblich.
Es übersteigt meine Möglichkeiten und meinen Ehrgeiz, diese Periodenbetrachtungen zu alternieren. Uwe Lang hat in seinen Büchern solche Untersuchungen in Tabellen für die deutsche Börse zusammengefaßt. Er ist übrigens kein Daueranleger. Wenn man sich alternative Perioden 1965-1981, 1967-1983 ,...., anschaut, merkt man, daß hier für mehr als eine Investor-Generation nichts zu verdienen war. Denn diese Periodenverschiebungen bewirken lediglich, daß aus einer Null-Performance eine mickrige Sparbuchverzinsung wird. Ein zyklischer Investor, der es verstand mit dem jeweiligen Haupttrend zu gehen und Schwächeperioden auszuweichen, kam in dieser wie in jeder Periode hingegen durchaus zurecht.
Natürlich kann man die Perioden etwas verlängern, natürlich kann man unproduktive Zeiträume abschneiden und/oder die Betrachtungszeit verkürzen. Aber erstens begibt man sich auf den Weg der Selbsttäuschung mit solchen Manipulationen und zweitens ist gerade bei Zeitraumverkürzungen, wie allgemein bekannt, daß Schwankungsrisiko stark ansteigend und die Ertragsgewissheit am Ende einer Investitionsperiode abnehmend.
Nun gut, man kann natürlich argumentieren, daß 1929 ein einmaliges und nicht wiederkommendes Desaster war. Ob ein Japaner, der zum Höchststand des Nikkei-Index Ende 1989 kaufte, dies bestätigt?
Man kann argumentieren, daß 1966 bis 1982 eine ganz natürliche Konsolidierungsphase war, die dem rasanten Wiederaufbau der Wirtschaft nach dem Kriege und dem damit einhergehenden langen Wiederanstieg der Kurse in der Periode 1945-1966 folgte. Ich werde nicht behaupten, daß hier eine Vergleichbarkeit zwischen dieser Anstiegsperiode und der langen Haussephase 1982-2000 vorhanden ist und schon gar nicht, daß hinter jeder Langzeit-Hausse wieder eine lange Konsolidierungsphase kommen könnte. Buy and Hold setzt die Verneinung solcher Möglichkeiten am Anfang einer Investitionsperiode voraus. Setzt zudem voraus, daß man mit dieser, die Marktmöglichkeiten eingrenzenden, Einschätzung richtig liegt.
Gehen wir ruhig im Folgenden davon aus, daß heute und künftig alles anders ist.
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Zusammensetzung dieses Industrie-Durchschnittes in 1915 zu erforschen, aber von den in 1929 enthaltenen Werten ist interessanterweise im heutigen Dow Jones Index nur noch ein einziger enthalten: General Electric. Wo sind RCA Radio, Distilling & Cattle Feeding, US Leather und Baldwin Locomotive?
Ich gestehe, die meisten dieser Firmennamen las ich zum ersten Mal.
Wo sind diese führenden Firmen jener Zeit, die gegen andere, besser performende ausgetauscht wurden? Pleite gegangen? Aufgekauft? Liquidiert? Irgendwo, umfirmiert, in der dritten Reihe? Die Indizes entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als geschickt gemachte Marketinginstrumente, die ständig um Underperformer bereinigt und neue Wachstumswerte ergänzt werden. Schlechte Chancen für den Langfrist-Investor, der sich auf einige wenige Werte festlegt und diese dann durchhält, mit einem solchen Index gleichzuziehen. Zugleich auch der Beweis, daß es Unfug ist, zu behaupten, ein Aktien-Investment würde sich letztlich immer von seinen Rückgängen erholen und immer zu neuen Kurshöhen aufsteigen. Dies gilt nur für den unsterblichen, den manipulierten Index. Nicht für die Einzelaktie.
Wo stände der DAX heute, wenn er noch Karstadt enthielte, anstelle von Dt. Börse? Noch Metallgesellschaft im DAX wäre, anstelle von FMC? Kaufhof anstelle von SAP? Natürlich, der weitsichtige Investor wußte, daß die Creme der 60, 70, 80er Jahre, wie Karstadt, Kaufhof und Metallgesellschaft, die Loser der 90er Jahre sein würden und hätte sie gemieden. Oder wäre rechtzeitig ausgestiegen. So wie frühere Generationen rechtzeitig erkannten, daß US-Steel nichts mehr war, oder spätere Amdahl, Gateway, Reebok usw. rauswarfen, als ihre Zeit vorüber ging.
Genau da beginnt die Selbsttäuschung. Der man im übrigen auch mit Bijou Brigitte, K+S, Salzgitter oder Solarworld zum Opfer fallen kann. Oder nicht, weil man cleverer als die Altvorderen ist und im voraus genau erkennt, wann eine Konsolidierung läuft, wann eine auszusitzende Baisse (die den zwischenzeitlichen Ausstieg nicht lohnt), und wann eine Wachstumsstory vorüber ist, oder vielleicht auch einfach nicht mehr als solche vom Markt wahrgenommen wird?
Schließlich hat er Warren Buffett als Vorbild. Der hat ja auch immer nur gekauft und nie verkauft. Außer seine Beteiligungen an Salomon Bros, US Air Group, McDonalds und ein paar kleinere. Warren Buffett ist ein Market-Timer, der in Silber und amerikanischen Staatsanleihen spekuliert und im übrigen den Biedermann von Omaha gibt, was ihm kolossal hilft. Sobald er den abgeschlossenen Erwerb einer Beteiligung bekannt gibt, steigt ein Teil des Publikums kopierend ein und treibt ihm die Kurse. Sag' "Danke schön", Warren.
Es gibt da wundervolle Statistiken, welchen Einfluß es hat, wenn man in einer 5-Jahres-Periode die 5 besten Börsentage nicht mitbekommt, weil man gerade nicht investiert ist. Diese Angst vor einem möglichen Performance-Verlust durch Abwesenheit ist einer der Hauptgründe für viele, immer weiter durchzuhalten, obwohl es endlos seitwärts oder gar bereits abwärts geht. Der Markt könnte ja drehen und dann ist man nicht dabei.
Interessanterweise stammen diese Statistikzahlen aus Arbeiten, die auch untersucht haben, welchen Performance-Einfluß es gehabt hätte, wenn es gelungen wäre, die 5 schlechtesten Börsentage zu vermeiden:
Die Performance unter Auslassung der schlechtesten Börsentage war um ein Vielfaches höher als die durch Nutzung der besten. Seltsam, daß dieser Untersuchungsteil nicht von den Professionellen zu Marketingzwecken genutzt wird, nicht wahr?
Für Warren Buffett wie für die Banken, Brokerhäuser und Investmentgesellschaften ist der Buy-and-Hold-Investor ein dankbarer Kunde. Zunächst steigt seine Zuversicht und seine vermeintliche Leidensfähigkeit mit den Kursen an der Börse. Geduldig hält er still, wenn die Institutionellen ihre Bestände zu Höchstkursen abladen, nimmt ihnen sogar das Material dankbar ab. Es gehört zu meinen Überzeugungen, daß genau dies seit längerer Zeit wieder geschieht.
Auch bei nachgebenden Kursen bleibt der längerfristig orientierte Investor cool, denn die Kurse kommen ja immer wieder zurück und steigen dann weiter. Das ist recht hilfreich für die großen Adressen, um weiteres Material in die Erholung hinein zu verteilen. Deshalb propagieren sie auch wohl ständig buy-and-hold, obwohl sie selbst sich am Allerwenigsten daran halten. Insider großer US-Gesellschaften verhalten sich ebenfalls zyklisch, kaufen im Aufschwung und bauen Bestände ab, sobald sie einen Höhepunkt in der Gewinnentwicklung ihrer Gesellschaft zu erkennen glauben.
Daß ein großer Teil dieser Dauerhalter-Leute in der Baisse dann umkippt und seine Depotbestände letztlich doch zu niedrigen Kursen abwirft, ist die zweite, mindestens ebenso ironische Seite der Veranstaltung.
Aus diesen Gründen glaube ich, daß man seine Investments und Anlagezeiträume trend- und zyklusabhängig wählen und begrenzen sollte. Wobei ausschließlich der Einzelwert mit seinem aktuellen Kursverhalten die Anlagedauer bestimmt und nicht übergeordnete Investmentstil-Überlegungen.
Ich behaupte, buy-and-hold ist eine Marketinglüge.
Kurt Seifert
28.07.2007
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